Künstliche Befruchtung kennt (noch) Grenzen

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Jedes sechste Paar ist ungewollt kinderlos – trotz moderner Reproduktionsmedizin.
Dr. med. Michael Jemec über molekulargenetische Eizellenanalyse, die Grenzen künstlicher Befruchtung und Eizellspende als mögliche Ergänzung.

Was sind die wichtigsten Fortschritte in der Reproduktionsmedizin?
Sicherlich die neuen Möglichkeiten der Diagnostik im Bereich der Molekulargenetik, die zu einer signifikanten Steigerung der Therapieerfolge führen. Unser Zentrum kann die Vorteile
aufgrund eines klinikinternem molekulargenetischen Labors nutzen, das zusammen mit dem biologischen Labor eine Optimierung der Therapie erlaubt.
Was bedeutet Optimierung im Rahmen der künstlichen Befruchtung?
Nach erfolgreicher In-vitro-Fertilisation ist bereits nach wenigen Stunden die Bildung von zwei sogenannten Polkörpern zu beobachten. Sie können abgelöst und molekulargenetisch analysiert werden. Diese Art von Diagnostik erlaubt uns Rückschlüsse auf die Qualität der jeweiligen Eizelle. Nur Eizellen, die sich zu einem überlebensfähigen Embryo entwickeln, kommen für eine erfolgreiche Therapie infrage. Dieses Vorgehen erspart Paaren somit unnötige Therapiezyklen, Zeit, Kosten und bittere Enttäuschungen.
Wie sieht die Erfolgsquote dank Polkörper-Analyse aus?
Bei über 2’500 Polkörper-Analysen wurde eine erfolgreiche Schwangerschaft! bei 47 Prozent bei Patientinnen über dem 38. Lebensjahr erreicht –
was eine Verdopplung der Erfolgsquote bedeutet. Allerdings sinkt der Anteil an «guten» Eizellen ab dem 35. Lebensjahr und damit auch die Chancen auf eine erfolgreiche Schwangerschaft!. Bei Patientinnen um die 40 kommt es zunehmend vor, dass keine genetisch intakten Eizellen gefunden und somit auch keine Embryonen transferiert werden können.
Gibt es für Betroffene Alternativen? Ja, die Eizellspende einer jungen Frau, deren Durchschnittsalter in der Regel 25 Jahre beträgt.
Sie kann die Erfolgsrate um das Zehn- bis 20-Fache steigern. Zwar ist die Eizellspende in der Schweiz noch nicht erlaubt, doch ist es uns Ärzten rechtlich nicht untersagt, mit ausländischen Kollegen zusammenzuarbeiten. Schätzungsweise begeben sich pro Jahr 800 bis 1’000 Paare für eine derartige Therapie ins Ausland. O! sind es Reisen ins Ungewisse, in Kliniken mit unbekanntem medizinischem Standard. Unser Zentrum hat aus diesem Grund wenige Kilometer jenseits der Grenze auf italienischem Territorium ein Labor eingerichtet mit eigenen Biologen und Ärzten, um somit in enger Zusammenarbeit mit dem jeweiligen Gynäkologen eine optimale Therapie anbieten zu können.

 

IM INTERVIEW
Dr. med. Michael Jemec
Leitender Arzt
Reproduktionsmedizin-Zentrum Procrea
Lugano
www.procrea.ch

 

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